Lesung und Diskussion mit Frank Richter, Autor des Buches „Gehört Sachsen noch zu Deutschland?“ am 23.07.2019 im Soziokulturellen Zentrum Delitzsch

 

„Gehört Sachsen noch zu Deutschland?“ Zugegeben, die Erörterung dieser Frage war keine leichte Kost am vergangenen heißen Dienstagabend. Der Buchtitel hat seinen Ursprung in einer familiären Geschichte. Die süddeutsche Verwandtschaft hatte sich bei ihrem ersten Besuch in Sachsen verfahren und war in der Gegend um Bautzen verwundert, zweisprachige Straßenschilder vorzufinden. Heute sollte uns das nicht mehr verwirren. Aber wie steht es um das Aufgehobensein der Sachsen oder Ostdeutschen in der gesamten Bundesrepublik. Warum erzielen rechtspopulistische Parteien hier so hohe Wahlergebnisse? Sind wir in Sachsen wirklich anders?

Frank Richter gab den Gästen einen kurzen Einblick in seine Biografie und schilderte seine Eindrücke und Beobachtungen während seines Wahlkampfes als OB-Kandidat in Meißen und seines allgemeinen politischen Engagements. Seine individuellen Erlebnisse stellte er Beziehung zu Entwicklungen in Sachsen oder in ganz Deutschland. Spätestens das Erstarken der AfD in Sachsen mit der Bundestagswahl 2017 gab für Richter den Ausschlag, sich stärker politisch zu engagieren. Zuhören und miteinander reden allein ist immens wichtig, aber um die Demokratie zu schützen und stärken braucht es mehr.

Immer wieder kam seine große Sorge zum Ausdruck, dass sich rechtes Gedankengut immer weiter ausbreitet und die Demokratie gefährdet. Zwar müsse man manche Äußerung, manches Handeln oder entsprechende Ereignisse erst mal „sacken lassen“, aber das heißt nicht, dass man Herabsetzung, Ausgrenzung und Aggressivität gegenüber Mitmenschen hinnehmen muss. Nein, man darf sie nicht hinnehmen.

Das ist leichter gesagt, als getan, musste auch Frank Richter zugeben. Aber, auch wenn man nicht immer eine Antwort weiß oder eine Lösung parat hat, ist es wichtig, dass man sich der Themen annimmt, die die Menschen bewegen und dass man dies glaubwürdig und kontinuierlich tut.

„Da hat die SPD schon viel gearbeitet“, machte er sich und seinem Kandidatenkollegen Martin Holke für die bevorstehende Landtagswahl Mut.

Im weiteren Verlauf kam die Diskussion immer wieder auf die Gründe zurück, die rechtsnationales und rechtspopulistisches Gedankengut im Osten Deutschlands und konkret in Sachsen auf fruchtbaren Boden fallen lassen. Richter nannte unter anderem den Bevölkerungsschwund, eine zweite Entindustrialisierung nach dem Ende des 2. Weltkrieges, eine immense Umwälzung, die zwar Demokratie brachte, aber keinen spürbaren Wohlstand wie beim „Wirtschaftswunder“ in der alten Bundesrepublik und den Verlust der Eigenstaatlichkeit. Damit war eine wichtige Brücke mit dem Staat als Sinnstifter der Ordnung, als Hüter der Ordnung und damit Sicherheit gebend nicht mehr vorhanden. Richter machte jedoch auch deutlich, dass wir nicht in dieser Zustandsbeschreibung stehenbleiben dürfen, sonst bleiben wir in der Opferrolle gefangen. Und aus dieser passiven Opferrolle heraus können Wut, Hass auf „die da oben“, „die anderen“, „die Ausländer“, „die Asylschmarotzer“, „die Lügenpresse“, „das Establishment“ gedeihen. Doch Selbstbewusstsein, demokratisches Denken und Handeln, Toleranz, Weltoffenheit braucht eine kontinuierliche Übung, und entsprechende politische, ethische, kulturelle und humanistische Bildung. Hier sieht Richter viele Fehlentwicklungen und Fehleinschätzungen durch die derzeitige Politik, die nur mühsam korrigiert werden können. Aber dass sie tatkräftig an dieser Korrektur mitwirken werden, daran ließen Gastgeber Martin Holke und Frank Richter keinen Zweifel.

 

Text und Foto: Marika Schinkel-Kleinke, 24.07.2019